Christoph Pleininger

Frankfurt, Weimar, Bonn

Frankfurt, Weimar, Bonn - das sind die Orte der deutschen Demokratie. Berlin spielt in dieser Geschichte nur eine Nebenrolle. Der Reichstag - erbaut im Kaiserreich - nimmt eine eigentümliche Stellung ein. Durch den Brand blieb er frei von nationalsozialistischer Kontamination (man stelle sich nur vor, das Ermächtigungsgesetz wäre dort beschlossen worden!), doch fällt es schwer in ihm die deutsche Demokratiegeschichte zu bündeln. Vielmehr stehen Berlin und der Reichstag für das geteilte und wiedervereinte Deutschland - immerhin der potenteste Mythos nach dem 2. Weltkrieg. Bis auf die Nationalhymne jedoch kein Rückgriff auf 1848, trotz einer ähnlichen Situation. Vielleicht liegt in der geographischen Zerstreutheit der wirkliche deutsche «Sonderweg» zur Demokratie. Er verdünnt aber den notwendigen Pathos, den eine Republik braucht. Ein "bescheidenes Verhältnis zur Nation", wie es Wolfgang Thierse bei ein Umzug des Bundestags nach Berlin betont.1 Wie soll daraus eine Republik entstehen?

  1. Deutscher Bundestag, «19. April 1999: Bundestag bezieht das umgebaute Reichstagsgebäude», erschienen online am 28. März 2024, aufrufbar unter: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/1999-04-19-reichstag-631994

#denktagebuch